Aktuelles aus dem Bereich OK.BAU/GIS/FMS

10.03.2014

Nutzung von Geodaten im Krisenmanagement

Ein Krisenmanagement – sei es für die Vermeidung, die Vorbereitung, die Bewältigung oder die Nachbearbeitung – kommt nicht ohne Geoinformationen aus.

Einsatz des Geographischen Informationssystems der AKDB für den Katastrophenschutz

Jeder kennt die fünf „W“ des Hilfenotrufs: Wo ist es geschehen? Was ist geschehen? Wie viele Verletzte gibt es? Welche Verletzungen liegen vor? Wer meldet? Diese einfache Merkregel macht die Wichtigkeit einer exakten Ortsbeschreibung, wo etwas passiert, besonders deutlich.

Zur Vermeidung von Hochwassergefahren werden schon seit Längerem präzise digitale Geländemodelle und geodatenbasierte Simulationen eingesetzt, um mögliche Überflutungsgebiete mit Hochwasserlinien vorauszuberechnen. Angaben zur Ausbreitungsrichtung und -geschwindigkeit eines Waldbrandes, Sturmtiefs oder einer Schadstoffwolke sind wichtige Basisinformationen bei der Bewältigung dieser Ereignisse.
Im Rahmen des vorbereitenden Katastrophenschutzes fertigen die Landratsämter als Untere Katastrophenschutzbehörden Pläne an, die Sicherheitszonen um gefährliche Objekte wie etwa Kernkraftwerke oder Lagerorte gefährlicher Stoffe angeben. Für die Erstellung von Alarmierungsplänen und Evakuierungsszenarien verwenden diese Behörden auch die landkreisweiten anonymisierten Einwohnermeldedaten. Mit Hilfe eines Geographischen Informationssystems wird den Meldedaten über die Adressen eine Koordinate, das heißt Ortsinformation, zugeordnet. Dadurch lässt sich die Bevölkerungsverteilung schnell in einer Karte darstellen. Und damit können die Meldedaten auch räumlich abgefragt werden: Wie viele Personen sind in einem bestimmten Gebiet betroffen? Welches Alter haben sie? Fakten, die bei der möglichen Evakuierung eines Altenheimes von Bedeutung sind.

In kürzester Zeit können dann im Notfall Aussagen zur Anzahl von zu alarmierenden und gegebenenfalls zu evakuierenden Personen getroffen werden. Derartige Katastrophenfälle sind zum Glück selten, es ist aber beruhigend, entsprechende Pläne in der Schublade zu haben.

Dagegen berichten fast alltäglich Presse, Radio und Fernsehen über kleinere Ereignisse wie „Bagger trifft Wasserleitung – Dorf ohne Wasser“, „Stromausfall durch Bauarbeiten ausgelöst“, „Erdrakete zerstört Gasleitung“ und ähnliches. Diese Schäden verursachen Kosten und haben zum Teil erhebliche Auswirkungen, sowohl für Bürger als auch für Anlagenbetreiber. Unfälle mit unkontrolliert ausströmendem Gas haben unter Umständen noch gravierendere Folgen.

Erst vor kurzem ereignete sich dieser Fall: Ein Wasserzweckverband beabsichtigt, eine zwei Kilometer lange Wasserleitung zu sanieren. Bei solchen Erdarbeiten wie Aufgrabungen, Baggerarbeiten, Bohrungen, Setzen von Masten und Stangen, Eintreiben von Pfählen und Spundwänden muss man stets damit rechnen, auf Kabel und Rohre zu stoßen und sie zu beschädigen. Im Hinblick auf seine Erkundungs- und Sicherungspflicht bei der Durchführung von Bauarbeiten hat sich der Bauausführende in diesem Fall rechtzeitig vor Baubeginn bei den Versorgungsbetrieben nach Existenz und Lage von Versorgungsanlagen im Bereich seines Arbeitsgebietes erkundigt. Nach einer vollständigen Sichtung der verfügbaren Pläne und einer Unterweisung durch die Spartenbetreiber bekommt der Zweckverband grünes Licht für die Sanierung: Es sind keine Leitungen im fraglichen Gebiet eingezeichnet Zum Einsatz kommen soll ein gängiges, besonders Zeit- und Kosten sparendes Verfahren, ein grabenloses Verlegeverfahren mit Einsatz von Bodendurchschlagsraketen. Diese Erdraketen schaffen den notwendigen „Hohlraum“ für das neu zu verlegende Rohr. Das Vortriebsgerät ermöglicht es zum Beispiel, Kabel quer unter Straßen hindurch zu treiben, ohne dass der Asphalt dafür aufgebrochen werden muss.

In unserem Beispiel kommt es nun zu einem schwerwiegenden Zwischenfall: Die Erdrakete hat direkt eine Hauptgasleitung getroffen und vollständig durchbohrt. Gas strömt aus! Dadurch besteht akute Lebensgefahr.

Sofort werden die Notfallkräfte wie Polizei und Feuerwehr sowie der Anlagenbetreiber alarmiert. Die herbeigeeilten Einsatzkräfte beseitigen unverzüglich alle Zündquellen, sperren den Gefahrbereich weiträumig ab und warnen Passanten und Anwohner. 30 umliegende Häuser werden evakuiert. Die Polizei leitet den Verkehr an der Unglücksstelle um. Nun kommt es zu einer weiteren Verschärfung der Lage: Da das austretende Gas schwerer ist als Luft, droht es in die umliegende Kanalisation zu strömen, was eine Evakuierung der nahegelegenen Schule und des Altenheimes erfordern würde. Aber schließlich gelingt es der Feuerwehr, die Kanalisation abzudichten und zu fluten, und die Gefahr so zu bannen. Bis zum Eintreffen der Betreiberfirma dichten die Einsatzkräfte mit Spezialklebeband die schadhafte Stelle am Gasrohr ab. Der Bautrupp des Betreibers klemmt dann das schadhafte Leitungsstück ab und ersetzt es durch ein Neues. Das beherzte Eingreifen und umsichtige Verhalten der Einsatzkräfte hat in diesem Fall Schlimmeres verhindert. Die Bewohner durften erst dann in ihre Häuser zurück, nachdem jedes einzelne Gebäude von einem Mitarbeiter der Gaswerke "freigemessen" wurde und keine Gefahr mehr durch eingedrungenes Gas bestand.

Fazit: Das Beispiel zeigt, wie wichtig vollständige, aktuelle und verlässliche Karten sind, die den exakten Verlauf von Leitungen und die Lage von unterirdischen Anlagen dokumentieren. Solche Unfälle wären dann häufig vermeidbar. Sollte dennoch eine derartige Krise eintreten, können die Pläne eine wertvolle Hilfe liefern und den Einsatzkräften bei der Bewältigung entscheidende Vorteile geben. Der Netzbetreiber hat inzwischen seine Bestandspläne aktualisiert und kommentiert den glücklichen Ausgang der Beinahe-Katastrophe mit Humor: „Jetzt haben wir endlich die Gasleitung gefunden, die wir seit elf Jahren in unseren Bestandplänen suchen …“

Beschädigte Hauptgasleitung: Rettungskräfte im Einsatz