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"Unterschiede zwischen Stadt und Land verschwinden – dank Digitalisierung"

Klimawandel, demografischer Wandel und Ressourcenknappheit benötigen Lösungen im Bereich Mobilität, Arbeit und medizinische Versorgung. Wir haben dazu Beatrix Drago gefragt. Die Diplomingenieurin und Architektin ist Sachgebietsleiterin in der Bayerischen Verwaltung für Ländliche Entwicklung. Und am 18. Oktober Gastreferentin auf dem 3. AKDB Kommunalforum.

Beatrix Drago ist Sachgebietsleiterin in der Bayerischen Verwaltung für Ländliche Entwicklung und Gastreferentin auf dem 3. AKDB Kommunalforum.

Frau Drago, wie leben und arbeiten die Menschen 2030 in den digitalisierten "Smart Cities"?

Vorhersagen über technologische Entwicklungen und ihre Auswirkungen auf die Menschen sind immer mit Vorsicht zu genießen. Im digitalen Zeitalter, das uns eine nie vorher gekannte Beschleunigung von Entwicklungsprozessen und eine sich immer schneller vollziehende Veränderung unserer Lebens- und Arbeitswelt gebracht hat, sind zwölf Jahre ein Zeitrahmen, der einigermaßen sichere Prognosen nur schwer möglich macht. Fakt ist jedoch, dass schon heute nicht nur in den Städten die digitalen Transformationen unsere Gesellschaft in nahezu allen Lebensbereichen verändern. Die Zahl der Internetnutzer ist in Deutschland mittlerweile auf über 80 Prozent gestiegen. "Being online" prägt selbstverständlich unsere Wirtschafts- und Arbeitswelt, unser Einkaufs-, Mobilitäts-, Freizeit- und Kommunikationsverhalten. Das Arbeiten vom Homeoffice aus oder im Coworking Space, der alle wichtigen Büroinfrastruktureinrichtungen vorhält, die der "digitale Nomade" zum Arbeiten braucht, gehören zum Arbeitsleben bereits genauso wie die Mobilitäts-App, die umweltfreundlich und maßgeschneidert multimodale Mobilität mit unterschiedlichen Verkehrsmitteln ermöglicht. Der Sprung zum selbstfahrenden Auto ist hier nicht mehr weit. Letztendlich wird es darauf ankommen, mit den digitalen Technologien intelligente Lösungen auf die zentralen Herausforderungen der Städte zu finden: Dazu gehören Klimawandel, demografischer Wandel in all seinen Facetten, wirtschaftliche Fragestellungen und Ressourcenknappheit. Dazu wird eine noch engere Vernetzung zwischen Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Zivilgesellschaft notwendig sein. Dann können die Bewohner der Smart Cities Teil der technischen Infrastruktur ihrer Stadt werden und wie schon heute zum Beispiel in der nordspanischen Stadt Santander per GPS und Lichtsignalen direkt zur nächsten Parkmöglichkeit gelenkt werden, die mittels in der Altstadt platzierten Sensoren die Informationen weitergeben. Der Parkschein wird dann selbstverständlich mit einer App bezahlt oder verlängert. Die Vermittlung der digitalen Kompetenzen in unseren Bildungseinrichtungen, die permanente lebenslange Weiterbildung für alle Generationen und Bevölkerungsschichten ist dabei unverzichtbare Voraussetzung dafür, dass in einer sich immer digitaler entwickelnden Gesellschaft möglichst viele Bürger die technischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Innovationen einer "Smart City" verantwortungsbewusst in Anspruch nehmen können.

Wie werden der ländliche Raum und seine Bewohner auf den digitalen Wandel vorbereitet?

Neben der Bayerischen Staatsregierung, die in den Jahren 2017 und 2018 Wettbewerbe zur Förderung der Digitalisierung im ländlichen Raum bzw. im ländlichen Alpenraum ausgelobt hat, gibt es zahlreiche Tagungen und Veranstaltungsformate unterschiedlichster Einrichtungen aus den Bereichen Bildung, Wissenschaft und Technik sowie Verbände, die das Thema auf der Agenda haben. Auch das nun zum dritten Mal stattfindende AKDB Kommunalforum ist hier ein wichtiger Akteur bei der Wissensvermittlung. Allen gemein ist das Bemühen, zum einen dafür zu sensibilisieren, dass in einer digitalisierten Welt der Unterschied zwischen ländlichen und urbanen Räumen zunehmend verschwindet und der durch die Digitalisierung bewirkte tiefgreifende Strukturwandel für ländliche Regionen und seine Bewohner völlig neue Entwicklungsmöglichkeiten bietet: Standortnachteile und lange Wege können ausgeglichen werden, Leben und Arbeiten auf dem Land kann dank Digitalisierung attraktiver werden. Ob Internethandel und neue Liefermodelle oder medizinische, Pflege- oder sonstige Dienstleistungen, die über Internetplattformen koordiniert werden, sowie mobile und digitale Angebote – sie alle können die Versorgung ländlicher Räume in vielerlei Hinsicht verbessern und somit einen Beitrag zum Ziel gleichwertiger Lebensbedingungen in Stadt und Land leisten. Die digitale Infrastruktur ist somit elementarer Bestandteil der Grundversorgung. Denn sie ist die Voraussetzung für Partizipation, Kommunikation und Logistik. Somit wird die optimale Nutzung der Digitalisierung künftig zum entscheidenden Faktor im Standortwettbewerb ländlicher Regionen um Unternehmen und Einwohner sein. Voraussetzung dafür, dass es nicht zu einer "digitalen Spaltung" zwischen Land und Stadt kommt, ist der flächendeckende Glasfaserausbau, der auch entlegene Weiler und Streusiedlungen auf dem Land erreicht. Auch gezielte Projektarbeit im Rahmen von Städtebauförderung und Dorferneuerungs- bzw. integrierten ländlichen Entwicklungsprozessen, wie z. B. das Projekt "Landmobile" macht das Thema greifbar und trägt dazu bei, den ländlichen Raum und seine Bewohner auf den Wandel vorzubereiten.

Welche sind die Voraussetzungen, damit das Leben auf dem Land wieder attraktiver wird?

Es gibt viele Gründe, die zur Landflucht mit allen sich daran knüpfenden negativen Entwicklungen führen. Fehlende bedarfsgerechte Angebote in den Bereichen Arbeit, Bildung, Wohnen, Nahversorgung, medizinische Versorgung und Kultur seien hier nur beispielhaft genannt. Auch ein schlecht ausgebautes öffentliches Verkehrsnetz erlaubt Mobilität auf dem Land nur mit dem eigenen PKW. Die Förderung gleichwertiger Lebens- und Arbeitsverhältnisse in ganz Bayern wurde deshalb 2013 zum Staatsziel erhoben. Eine daraufhin eingesetzte Enquete-Kommission hat im Frühjahr 2018 ihren Bericht vorgelegt, wie dieses Ziel zu erreichen sei. Der flächendeckenden Breitbandversorgung kommt dabei eine Schlüsselrolle zu. Ich zitiere: "Die Verfügbarkeit eines schnellen Internets ist eine Grundvoraussetzung, um an den technologischen Errungenschaften und Potenzialen der Digitalisierung zu partizipieren. Zudem können die Potenziale von neuen webbasierten Dienstleistungen insbesondere in den unterversorgten Räumen nicht genutzt werden. Dies betrifft ländliche Räume, die gerade im Bereich der Daseinsvorsorge von neuen internetbasierten Lösungen profitieren können (Medizin, Versorgung, Kommunikation, neue wirtschaftliche Geschäftsmodelle etc.), um Versorgungsnachteile durch Onlineangebote zumindest teilweise kompensieren zu können." Ein Blick über die Landesgrenzen zeigt, dass diese Rechnung aufgehen kann. In der Landgemeinde Moosburg in Kärnten hat die Schaffung eines auch baukulturell sehr attraktiven "Coworking space" im ehemals leerstehenden Gasthaus im Ortskern zur Etablierung einer kleinen Kreativwirtschaftsszene geführt, die viele positive Impulse gesetzt hat. Das Leben auf dem Land wird plötzlich für junge, gut ausgebildete Menschen wieder attraktiv, immer mehr kommen zurück. Auch die Bewerbungen im bayerischen Wettbewerb zum digitalen Modelldorf zeigen vielversprechende Ansätze, die dazu beitragen können, die oben genannten Defizite zu beheben und eine Trendumkehr in die Wege zu leiten. Vom ganzheitlichen, interdisziplinär vernetzten Medizin- und Pflegenetzwerk mit digitalem Pflegelotsen über internetbasierte Lern- und Bildungsangebote bis hin zur Schaffung von Wohnungen, die ein möglichst langes selbstbestimmtes Wohnen in den eigenen vier Wänden durch "Assistive Technologie" ermöglichen. Bei allen guten Ansätzen bleibt zu konstatieren: Es gibt zwar nicht "das Patentrezept" zur Trendumkehr, jedoch viele erfolgversprechende Ansätze, die mit Hilfe der Digitalisierung gleichwertige Lebens- und Arbeitsverhältnisse in Stadt und Land ermöglichen und somit das Leben auf dem Land wieder attraktiv machen können.

Beatrix Drago ist Referentin auf dem 3. AKDB Kommunalforum am 18.10.2018 auf dem Nockherberg München. Ihr Vortrag mit dem Titel "Aus Landflucht wird Landlust: Kann Digitalisierung den Wandel schaffen?" findet um 11:30 Uhr im Saal Maximilian statt. Sie haben sich noch nicht zum AKDB Kommunalforum angemeldet? Dann aber schnell, denn es gibt nur noch wenige Restplätze!